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NTB-Rektor Lothar Ritter

«Die interdisziplinäre Breite befeuert die Innovationskraft»

04. Juli 2018 | 10:06 Autor: Stefan Lenherr, NTB Folio | Anzeige Liechtenstein, Vorarlberg, Deutschland, Schweiz

Der NTB-Rektor ist davon überzeugt, dass Systemtechnik-Ingenieurinnen und -Ingenieure nicht nur für die ersten Jahre im Job fit sind, sondern sich im Studium die Kompetenzen und die nötige Flexibilität erarbeitet haben, um neue Zukunftschancen auch später immer wieder nutzen zu können. «Wir bilden die Menschen auch für Ingenieuraufgaben und Verantwortungen aus, die es heute noch gar nicht gibt», sagt Lothar Ritter im Gespräch mit «NTB Folio».

Herr Ritter, die NTB fokussiert sich im Bachelorangebot auf den Studiengang Systemtechnik. Wenn jemand beispielsweise Maschinenbau studieren will, weshalb soll er sich dann auch mit Ingenieurdisziplinen wie Informatik, Werkstofftechnik oder Elektronik auseinandersetzen?
Lothar Ritter: Unsere Philosophie ist es, dass alle unsere Studierenden bei den fachlichen, methodischen und systemischen Grundlagen eine gemeinsame Basis haben sollen – das ist letztlich die Idee der Systemtechnik. Im Vertiefungsteil des Studiums kann man dann diejenige der sechs Studienrichtungen wählen, für die man sich ganz besonders interessiert. Zugegeben: Manche Absolventen erkennen erst im Nachhinein den Wert der Ingenieurgrundlagen und der Methoden des Systemdenkens, welche sie sich an der NTB erarbeitet haben. Wir sind aber überzeugt, dass sie dadurch im späteren Ingenieurleben einen grossen Vorteil haben gegenüber Absolventinnen und Absolventen anderer Hochschulen, die oft ein eher monodisziplinär ausgerichtetes Studium absolviert haben.

Wo konkret sehen Sie für Systemtechnik-Ingenieure in der beruflichen Praxis einen Vorteil?
In einem Industrieprojekt, einer Produktentwicklung oder bei Fragen aus der Produktion kommt es praktisch nie vor, dass man nur ein Mechanik-, ein Elektronik- oder ein Informatik-Problem lösen muss. In den meisten Fällen löst man Probleme erst dann, wenn man ganzheitlich mehrere Disziplinen miteinbezieht und sie mithilfe der Methoden des Systems Engineering (SE) verbindet. In der Praxis sind daher Menschen gefragt, die zwar ihr jeweiliges Fachgebiet beherrschen, gleichzeitig aber auch mit Experten anderer Fachgebiete zusammenarbeiten können. Hierfür müssen sie sich erst einmal gegenseitig verstehen. Experten in Maschinenbau, Informatik oder Elektronik ticken unterschiedlich, sie kommunizieren anders. Unsere Studierenden erarbeiten sich dazu im Studium die gemeinsamen fachlichen Grundlagen, die persönlichen Kompetenzen und einen universellen Methodenkoffer, der sie unabhängig der gewählten Vertiefung zur Kommunikation und Kollaboration mit Experten anderer Fachgebiete, zum Lösen komplexer Probleme und zu kritischem Denken befähigt. Kurzum, wir geben ihnen neben dem technischen Fachwissen und den Fähigkeiten zum Transfer dieses Wissens in die berufliche Praxis auch die Grundphilosophie des Systemdenkens im Ingenieurwesen mit auf den Weg.

Damit fördern wir schon heute den Erwerb einiger der aktuell häufig zitierten «21st-century skills»*. Unsere Absolventen haben auch von den fachlichen Vertiefungen, welche sie nicht gewählt haben, ein geeignetes Grundwissen. Dadurch finden sie leichter die richtige Sprache, wenn sie sich mit Experten anderer Fachgebiete austauschen müssen oder sie mit ihnen zusammenarbeiten. Das erlaubt zum Beispiel, dass Systemtechnik-Ingenieurinnen und -Ingenieure schon in jungen Jahren in interdisziplinären Projektteams Leadfunktionen übernehmen können.

Kann dieser ganzheitliche Ansatz auf potenzielle Studierende nicht auch abschreckend wirken?
Wie bei jedem Fachhochschulstudium sollte man die Herausforderungen des Studienalltags und der späteren Ingenieurtätigkeit in einem Unternehmen mit einem gewissen Respekt angehen. Angst brauchen unsere Studierenden jedoch keine zu haben. Unsere Dozenten und wissenschaftlichen Mitarbeitenden, aber auch unsere Betreuerinnen und Betreuer in den Student-Services sind ja genau dafür da, sie zu unterstützen. Sie werden im Studium nicht allein gelassen. Die überschaubare Grösse der Hochschule NTB erlaubt es, dass Lernen recht individuell in kleineren Teams, begleitet und gecoacht von Hochschulangehörigen, stattfinden kann. Das Studium Systemtechnik ist zwar relativ anspruchsvoll, weil man sich die interdisziplinäre Breite der Grundlagen und die Methoden des SE erst einmal erarbeiten muss. Aber gerade dies ist auch das Differenzierungsmerkmal der NTB und der «Mehrnutzen» für ihre Absolventinnen und Absolventen. Wer an der NTB sein Ingenieurstudium absolviert, erarbeitet sich ein Qualifikationsprofil, das man unter Bildungsexperten gerne als T-förmig bezeichnet. «T-shaped-Students» sind zukünftige Fachkräfte, die bereit sind, in ihrer jeweiligen Studienrichtung in die erforderliche fachliche Tiefe zu gehen (vertikaler Balken des Ts), sich gleichzeitig aber auch in anderen Bereichen das für die interdisziplinäre Vernetzung nötige Wissen und die systemischen Kompetenzen in der Breite anzueignen (horizontaler Balken des Ts). Dies heisst aber ausdrücklich nicht, dass ein Systemtechnik-Ingenieur die NTB verlässt und in allen sechs Vertiefungsrichtungen ein Experte – also eine sprichwörtliche eierlegende Wollmilchsau – ist.

Sind in der heutigen Arbeitswelt denn nicht vielmehr Fachspezialisten gefragt als Generalisten?
Unser Nutzenversprechen lautet sowohl für die Absolventen als auch für die Unternehmen, dass ein Systemtechnik-Ingenieur «fit für den Job» in seiner jeweiligen Vertiefung ist. Dies gilt natürlich auch für die Ingenieurinnen. Das heisst, dass er oder sie nicht erst lange eingearbeitet werden muss, um die gestellten Aufgaben erledigen zu können, sondern in kürzerer Zeit einsatzfähig ist. Gleichzeitig bilden wir die Menschen auch für Ingenieuraufgaben und Verantwortungen aus, die es heute noch gar nicht gibt und die noch niemand richtig kennt.

Können Sie das erklären?
Wer vor 25 Jahren sein Studium abgeschlossen hat, konnte höchstens erahnen, welche neuen Möglichkeiten durch die sich schon damals leise abzeichnende Digitalisierung und die Vernetzung von Menschen, Geräten und Prozessen entstehen. Der technische Fortschritt – mehr und günstigere Rechenleistung, höhere Speicherkapazitäten – machte dies erst möglich. Und ich bin davon überzeugt, dass sich die Spirale der Entwicklung immer schneller drehen wird und wir, wie vor 25 Jahren, kaum erahnen können, was in Zukunft möglich sein wird. Deshalb raten wir unseren Studierenden immer: Wählen sie die Studienrichtung, für die sie sich heute am meisten interessieren und für die sie die grösste Motivation aufbringen können. Dann sind sie für den Start ins Ingenieurleben bestens gerüstet. Mit der interdisziplinären Ausbildung, den breiten Grundlagen und der methodischen Grundphilosophie wollen wir ihnen aber auch die nötige Flexibilität mitgeben, damit sie sich auf neue technologische Entwicklungen wie auch auf die wechselnden Anforderungen ihres jeweiligen Arbeitgebers schnell einstellen können. Das heisst, Neues rasch dazulernen zu können, ohne sich erst mühsam die Grundlagen erarbeiten zu müssen. Und wir sind auch aus eigener Erfahrung in unseren Forschungs- und Entwicklungsinstituten davon überzeugt, dass eine gewisse Interdisziplinarität, kombiniert mit einer methodisch-konzeptionellen Breite, die Kreativität zur Innovation zwar nicht garantiert, aber doch besonders fördert.

Inwiefern?
Wer sich die interdisziplinäre Breite erarbeitet hat, ist eher fähig und bereit dazu, über den Tellerrand der eigenen Fachdisziplin hinauszublicken und sich zu fragen: Was könnte man anders, was könnte man besser machen, was hat man noch nicht durchdacht? Wenn sich solche Menschen an Tagungen austauschen, sich besuchen, Zeitungsartikel lesen oder schlicht im Internet surfen, kommen sie eher auf neue Ideen, die einem oft nur einfallen, wenn man sich in anderen Wissenschaftszweigen auch ein wenig auskennt. Diese Menschen haben einfach mehr Chancen für Assoziationen. Und das befeuert die Innovationskraft.

Was spricht aus Ihrer Sicht noch dafür, ein Bachelor- oder Masterstudium an der NTB zu beginnen?
Unsere Hochschule ist mit 110 bis 130 neuen Bachelor- und Masterstudierenden pro Jahr klein genug, damit man sich noch persönlich kennt. In einer grossen Schule muss vieles in Silos organisiert sein, in Studiengänge und Departemente aufgeteilt sein, was den Austausch schwieriger gestaltet. Wenn man bei uns mit einem Problem nicht weiter weiss, trifft man sich zu einem Kaffee und löst es gemeinsam. Das ist gelebte Interdisziplinarität durch Kollaboration, die bei unserer Grösse überhaupt erst möglich ist. Auch sehr förderlich sind die vielen angebotenen Module, die Hands-on-Praktika und die kleinen Lerngruppen, die ein hohes Mass an Betreuung erlauben. Nicht zuletzt profitieren unsere Studierenden natürlich auch von der starken Vernetzung der NTB mit den Unternehmen im Vierländereck sowie von verschiedenen Möglichkeiten, sich auf Masterstufe zu vertiefen und sich weiterzubilden. Immer wieder nutzen auch einige Absolventinnen und Absolventen die Chance, eine gewisse Zeit an der Hochschule zu bleiben und in den Instituten der NTB als wissenschaftliche Mitarbeitende zu marktüblichen Anstellungsbedingungen in extern finanzierten Forschungs- und Entwicklungsprojekten für die Unternehmungen zu wirken. Dies lässt sich in Teilzeit auch sehr gut mit einer Masterausbildung kombinieren.

(* vgl. z.B. https://www.weforum.org/agenda/2016/03/21st-century-skills-future-jobs-students/)

  • Experten in Maschinenbau, Informatik oder Elektronik ticken unterschiedlich, sie kommunizieren anders.»
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  • Nicht zuletzt profitieren unsere Studierenden natürlich auch von der starken Vernetzung der NTB mit den Unternehmen im Vierländereck sowie von verschiedenen Möglichkeiten, sich auf Masterstufe zu vertiefen und sich weiterzubilden.»
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